“Oh du starke Globalisierung, ach du schwache soziale Marktwirtschaft”

Viel Spaß bei nachfolgender Geschichte!
(Fett = Herr Neo libertus; Normal = Fräulein Soliza; Kursiv = Erzähler)
Man müsse global denken meinte Herr Libertus Neo und fuhr in seinem beinahe schon ekstatischem Gedankengang fort: Wir dürfen uns nicht länger hinter einem, ein halbes Jahrhundert altem Gerüst verstecken. Und das nennt man dann noch ganz kess „soziale Marktwirtschaft“. Genau wegen der sind wir Deutsche doch hintendran. Aber das is ja noch nicht genug! Nein! Da ist ja auch noch dieser Name des Gründers…wenn ich da nur dran denke…vor allem diese Widersprüchlichkeit…er und hart? Ja ausgerechnet er, dieser soziale Softie…
Er meinte sich auszukennen. Und eine Frage lies ihn ganz besonders nicht los:
Wieso wollen es manche nicht verstehen?
Für ihn war es sonnenklar, dass die soziale Marktwirtschaft in den Zeiten der Globalisierung nur Schwächen aufwies. War sie doch auch während des Industriezeitalters entstanden, und für jenes konzipiert. Wie sollte so ein altes, verstaubtes Ordnungsmodell noch im digitalen Zeitalter funktionieren? Gerade jetzt, wo es keine festgefahrenen Strukturen mehr gäbe, wo man Miteinander mit Hilfe von Prozessoren Netze spinnt, der eine hier, der andere dort, der eine hier, der andere dort einen Strang beiträgt; was für Möglichkeiten sich dem blauwässrig schimmernden Planeten dadurch nur böten. Ja! Nun sind die Zeiten des lohnabhängigen, jahrzehntelang im Inland, unter denselben monotonen Bedingungen, in demselben tristen Unternehmen schuftenden Arbeiters, vorbei. Endlich vorbei. Zeit um unser Sozialsystem dieser neuen Ära anzupassen. Er war froh die Welt zu verstehen und konnte sich den freudigen Ausruf: Es lebe die Effizienz, die ungezügelte Effizienz bei aller Liebe nicht verkneifen.
Wenn die Deutschen sich diesem Rad der Zeit nur nicht widersetzten. Es ist doch Unsinn ein Vermögen in die Aufrechterhaltung irgendwelcher sozialen Standards zu investieren, wenn manch eine Konkurrenz das auch nicht tue. Ganz zu schweigen von der offensichtlichen Sinnlosigkeit zu geben, ohne eine direkte Gegenleistung zu bekommen.
Also weg damit, anstatt dessen sollten wir lieber mal einen Zahn zulegen, die Produktivität steigern, die Zähne dann noch zusammenbeißen und uns dem harten Gang der Konkurrenz anpassen. Nur so können wir Schritt halten.
Und ja, die langsamen und die, die ihre Chance nicht wahrnehmen sind halt nun mal die Verlierer. So ist es beim Spielen. Es gibt Gewinner und Verlierer. Langlebende und Kurzlebende.
Herr Libertus Neo wäre wohl ein Leben lang bei seiner Meinung geblieben, wäre ihm nicht irgendwann die heranreifende, aber bereits ihn irgendwie instinktiv anziehende, Fräulein Soliza begegnet. Zum ersten Mal in seinem Leben horchte er auf:
Ach du lieber Herr Neo! Wo soll ich nur anfangen? fragte sie ein wenig verzweifelt, aber dennoch recht forsch. Wissen Sie denn nicht was Deutschland an autoritären Herrschafts- und Wirtschaftsformen hinter sich hat? Allein im Vergleich dazu kann unser jetziges Ordnungsmodell doch nicht schlecht so sein, oder?
Na ja gut, das mag ja stimmen, aber trotz alle dem brauchen wir einen sich selbst regulierenden, frei… weiter kam er nicht, denn Fräulein Soliza hatte nur kurz abgesetzt um tief Luft zu holen:
Nein, nein, nein, einen freien Markt brauchen wir nicht. Ich erkläre ihnen lieber noch einmal, wie das mit der sozialen Marktwirtschaft ist. Im Grunde werden die marktwirtschaftlichen Prozesse lediglich durch einen gewissen Ordnungsrahmen ergänzt. Im Falle Deutschland bedeutet dies eine vom Staat festgelegte und kontrollierte Wettbewerbs- und Sozialordnung. Ziel dabei ist, dass eben nicht erwünschte Ergebnisse, eines rein marktwirtschaftlichen Systems, ausgeglichen, bzw. korrigiert werden. Warum Sie ein Fehlen von Sozialstandards für gut heißen, als dafür plädieren dass es manchen Menschen schlecht gehen soll, versteh ich sowieso nicht.
Also wenn ich von der Wirtschaft rede, dann meine ich zumindest alle Menschen, und meiner Ansicht nach sollten Alle ein Recht auf ein gleich langes Leben haben und man sollte nicht erdulden, dass welche verlieren, bzw. gar nicht die Chance haben zu gewinnen. Apropos, ich finde ich es wirklich pervers wie gleichgültig Sie darüber nachdachten.
Was ich meine ist, dass unter den falschen wirtschaftlichen und strukturellen Bedingungen einige doch gar keine Möglichkeit haben, sich persönlich zu entfalten und zu entwickeln. Es muss doch jeder das Recht haben dürfen Mensch zu sein, oder?
Allein schon deswegen, ist es ja wohl das Mindeste gewisse Leitlinien und Standards zu schaffen, unter denen sich es sich dann auch für Menschen wie Sie lohnen würde, sozial zu sein. Von denen gibt es eh noch viel zu wenig, wie ich finde. Und bevor wir die Effizienz und die Produktivität blindlings erhöhen, wäre es vielleicht angebrachter zuvor mal auf globaler Ebene ein vernünftiges Regelwerk durchzusetzen. Außerdem, was mir dabei grad einfällt, zu Ihrem Argument, dass wir, noch mehr noch schneller schaffen müssten:
In den Usa ist die Arbeitsproduktivität in den letzten 20 Jahren nur um 25% gestiegen, in Deutschland jedoch um 100% . So unproduktiv sind wir also gar nicht. Aber überhaupt, sollte das nicht unser Hauptproblem sein. Unsere Hauptprobleme sind z.B. dass 20% der Bevölkerung auf der Erde 80% von ihr besitzen, dass 25000 Menschen am Tag an Hungernot und dessen Folgen sterben und um noch ein Beispiel zu nennen, dass wenige sehr produktiv sind, auch im Umwelt verschmutzen, aber der ganze blaue Planet mit verseuchtem Wasser umgehen muss…
Und es gäbe noch zig Beispiele. Wenn wir also was brauchen, dann eine weltinnenpolitische Sichtweise, ja das stimmt, von daher gebe ich Ihnen Recht. Wir müssen global denken. Wobei die Betonung auf dem letzten Wort liegt. Das können wir schaffen durch supranationale Strukturen, wie etwa der Eu, aber nicht durch supranationales Chaos, wie es jetzt als Ordnungsrahmen auf globaler Ebene herrscht.
Es wäre viel besser, wenn alle Menschen zumindest den Grundgedanken unserer Form der Marktwirtschaft übernähmen, der nämlich lautet: „Wohlstand für Alle“. Allein schon der Liebe zum Nächsten wegen. Und warum sollte man nicht auch geben, auch wenn man, wie Sie, denkt man bekäme dafür nichts zurück? Wobei das ja auch nicht stimmt, denn hallt es doch wenn nicht nach außen doch in dem Inneren des Beschenkten wieder und äußert sich über lang oder kurz…
Ach ich bitte sie Frau Soliza, dass ist mal wieder typisch Fra… wollte er kontern, aber er war wieder ein mal der weiblichen Empathie nicht gewachsen
Ich wusste, dass sie das als weibliche Gefühlsduselei abtun. Nun gut. Nichtsdestotrotz sollte doch auch Ihnen einleuchten, dass es nicht sein kann und darf, dass Demokratie unter den Fesseln der heutigen Globalisierung bedeutet, dass nur Menschen mit materiellem Besitz eine politische Stimme, also eine Zukunft und ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben haben?
Ha ha ha, ich kann nur lachen über ihre banale und überzogene Darstellung!
Wissen Sie, wahrscheinlich denken viele wie Sie, und viele lachen über Frauen wie mich. Aber was mich in so einer Situation immer tröstet, ist ein Spruch von Albert Einstein, den ich über meinem Bett aufgehängt habe und der lautet: Um ein tadelloses Mitglied einer Schafsherde zu sein, muss man vor allem eins sein: Ein Schaf.
Es ist mir leider nicht bekannt, ob Neo libertus bis heute zur Vernunft gekommen ist, und verstanden hat, dass Globalisierung uns allen nur viele Vorteile bringt, wenn wir anfangen sie richtig zu gestalten. Unsere jetzige Wirtschaftsform die soziale Marktwirtschaft weiter zu verbessern, ist vom Prinzip her nötig und gut, jedoch vergleichbar mit dem Bemalen eines Hüpfballes, der keine Luft hat.
Als letzte Anmerkung des Autors sei mir bitte noch erlaubt hinzuzufügen, dass auch die soziale Marktwirtschaft, bzw. die Struktur Europas bei weitem nicht optimal ist. Wahrscheinlich gibt es viele noch nicht gedachte bessere Formen. Aber, wer reißt schon eine noch nicht reife Frucht vom Baum und zertrampelt sie?
Kris
6 comments Februar 12th, 2007